Liebe Leser dieser Nachricht,
ich war letzte Woche zum ersten Mal in meinem Leben in Breslau. Lang hat es gedauert, bis ich dieses Vorhaben verwirklichen konnte, weil ich meine Mutter mitnehmen wollte und die war von meiner Idee nicht sonderlich begeistert. Meine Mutter wurde dort im Jahr 1938 geboren und kann mir nicht mehr viel davon berichten, was dort war oder was genau geschehen ist. Manchmal denke ich, sie hat es einfach verdrängt, weil es zu weh getan hat, alles aufzugeben und irgendwo in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Das Leben hatte für meine Familie nun mal nichts anderes vorgesehen, auch wenn sie es sich sicher anders gewünscht hätten, weil sie für die Entscheidungen dieser Zeit sicher nichts konnten, aber dafür herhalten mussten.
Ich weiß nicht genau, wann meine Familie, sprich meine Mutter, meine Oma und meine Onkels fliehen musstsen. Meine Oma starb bereits 1953, so dass ich sie nie kennenlernen konnte. Ihre Schwester, also meine Großtante, starb 1977. Ich war damals zu jung und in meinem Leben war kein Platz für das Interesse an meiner eigenen Geschichte.
Mein noch lebender Onkels (der sogar jünger ist als meine Mutter) kann sich noch an viel mehr Dinge erinnern als meine Mutter selbst. So richtig weitergebracht hat es mich eigentlich nicht. Dennoch hat es mich schon lang nach Breslau gezogen und ich bin froh, dass ich die Reise nun endlich verwirklicht habe. Ich finde, es ist eine wunderschöne Stadt. Ich werde mich sicher zukünftig noch mehr damit beschäftigen, was dort wirklich geschah, vor allem mit meiner eigenen Familie. Dazu war eigentlich jetzt viel zu wenig Zeit. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Keine Ahnung, was es ist, aber ich fühle mich irgendwie da hingezogen, warum auch immer.
Ich bin nicht der Typ, der gerne in den Urlaub fährt, aber nach Breslau würde ich gleich wieder fahren. Noch heute würde ich meine Koffer packen und weg.
Es hat mir auch irgendwie zu denken gegeben, als wir durch die ehemalige DDR gefahren und dann in Breslau angekommen sind. Das alles war mal Deutschland. Unglaublich aber wahr! Und doch auch längst vorbei. So ist das halt. Mein Vater war aus Thüringen, also auch ein Flüchtling, wenn auch ein mehr oder wenig Freiwilliger. Dinge ändern sich einfach im Laufe der Geschichte, auch wenn es noch so weh tut.
Ich bin froh, dass ich wenigstens jetzt zusammen mit meiner Mutter Gelegenheit hatte, diese wunderschöne Stadt anzusehen und mit ihr die Plätze aufzusuchen, an denen sie wohl in ihrer Kindheit war, auch wenn sie sich nicht mehr richtig daran erinnern kann oder mag.
Es ist, wie es ist. Nur die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat es mir überhaupt möglich gemacht, zusammen mit meiner Mutter da hinzufahren, ohne große bürokratische Hürden zu überwinden. Das ist doch auch echt was wert, dass das jetzt so einfach geht. Die Vergangenheit kann man eh nicht mehr ändern. Wer hätte sich vor Jahrzehnten vorstellen können, dass das überhaupt möglich ist ohne Umstände nach Breslau zu fahren? Ich freue mich, dass ich Gelegenheit hatte, das zusammen mit meiner Mutter zu erleben und komme mit Sicherheit irgendwann wieder mal da hin. Einfach nur, weil ich diese Stadt (egal, wem sie je gehört hat, gehören wird oder gehört) wunderschön finde.
Liebe Grüße S. 
|